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Aufnahmeprüfung Gestaltung Mittwoch,

13. März 2019 

BERLIN 2013

Nach ausreichend erregtem Mitleid für uns FOS-Monties, konnte die Kennenlernfahrt nun doch noch - wenn auch etwas spontan - stattfinden. Berlin sollte es werden. Die Stadt, die all ihre Grenzen verloren hat.

Wandelbar und sich stets neu orientierend. Die Stadt der Lichter, der Vielfalt und Superlative. Ein 24-stündiges Kontrastprogramm, welches Dich von denen Dich in jeder großen Stadt erwartenden und kaum zu unterscheidenden Touristenmeilen, zu verborgenen Orten, die es zu erforschen gilt entführt und nie mehr loslässt. Ortsteile, in denen die Zukunft weniger in Architektur und Technik, als in den Köpfen derer stattfindet, die Dir auf den Straßen entgegenkommen. Wo Dich Visionäre, Surrealisten umhüllt von purer Passion, von der typischen, grauen Schattenwelt in lyrisches, glänzendes Tageslicht fern von dieser Dimension tanzend fortbringen und Dir nichts anderes übrig bleibt, als Dich fallen zu lassen und dem allen hin zu geben.

Am Dienstag, den 03.12.2013 um etwa 13:00 Uhr ging es los. Nachdem wir Hélène morgens unser Geburtstagsgeschenk überreichten, war schon eindeutig, dass niemand an diesem Tag den Kopf frei für Unterricht irgend einer Art hatte. Stattdessen widmeten wir uns während der Wartezeit dem Film aus dem Paket und versäumten somit die Deutschstunden. Chemie ließen wir ebenso keine Chance, da uns ein extra zubereitetes Mittagessen in der Mensa erwartete. Mit vollem Bäuchlein hieften wir uns und unser Gepäck in den Bus. Nach fast neun Stunden anstrengender, spritziger und irgendwie heimeliger Fahrt plumpsten wir heraus, stürmten die Lobby und danach unsere Zimmer. Einige erkundeten noch die Gegend um den Hauptbahnhof, doch die meisten fielen schlapp in die Kiste.

Oh, Berlin. Welch Neugierde Du in uns geweckt hast.

Mittwoch standen zwei große Führungen auf dem Plan: Die Besichtigung des Deutschen Bundestages und anschließend die der Stasi-Gedenkstätte Hohenschönhausen. Mit anderen Worten konnten wir uns auf eine Reise durch zwei unterschiedlichste Welten gefasst machen, die nicht mehr von einander abhängig sein könnten. Der Bundestag, welcher in seinem preziösen Bau und seinem Stilbruch, nämlich der Mixtur aus Neorenaissance und futuristischer Potpourri-Architektur dem modernen Auge nur zu sehr schmeichelt, lies uns mit dem Hintergedanken "Es zumindest einmal gesehen zu haben", durch die Sicherheitsschleusen zu unserem Treffpunkt schlendern. Die Informationsstunde, moderiert von einem schnippischen Zyniker, der auf seine Weise mit Pepp seinen Vortrag über das Gebäude und seiner Geschichte beinahe kolportierte, lies am Schluss nur noch wenige Fragen offen. Anschließend konnten wir mit Bernd dem Brot im Ohr (welcher so außerordentlich nervend seine Informationen über Berlin Meter für Meter durch Kopfhörer kundgab, das am Ende jeder lieber darauf verzichten wollte) die Kuppel des Bundestags empor wandern und die Aussicht genießen. Während einer Verschnaufpause zog es die meisten von uns in die vor Prestige und Konsum nur so schillernde Berliner Mitte, um etwas zu schnabbulieren.

Oh, Berlin. Du gehobene Heimat der Schickeria.

Danach ging es zurück zum Bus, welcher uns nach Hohenschönhausen, in das Plattenbauviertel im klischeehaftesten Teil des Berliner Ostens, eingehüllt in der erdrückenden Tristesse der Trostlosigkeit beförderte. Dort im ehemaligen Stasi-Gefängnis angekommen – im Nichts – erwartete uns ein kurzer Film zur Einführung, nach welchem wir uns in zwei Gruppen aufteilten um mit den Betreuern einen Teil der Gedenkstätte zu erkunden und etwas über diese zu erfahren. Nach jedem Meter, den wir hinter uns ließen, jeder Zelle, die wir betraten und jedem Abriss, der uns vermittelt wurde, wurde unsere Stimmung auf ein Neues zu Boden geschleudert, wie Meteoriten, welche aus der luftig leichten Schwerelosigkeit unmittelbar und unaufhaltsam gen Erdreich abstürzen. Verlegene Sprachlosigkeit und Betretenheit ließ uns schweigsam und dennoch oder gerade deswegen interessiert zuhören und mit offenen Augen die Umgebung observieren. Dieser schwindelerregende Kontrast hinterließ einen bleibenden Eindruck.

Oh, Berlin. Du bist so dekadent.

 Der einzige Besuch auf dem Tagesplan für Donnerstag, war der zum Hamburger Bahnhof, dem Museum der Gegenwart. Im Bezirk Moabit, nur wenige Meter von unserem Hostel entfernt lag es, errichtet im Baustil des Klassizismus, auf 13.000 vor Kunst und Ästhetik überquellenden Quadratmetern. Wieder teilten wir uns in zwei Gruppen auf und widmeten uns Joseph Beuys, Roy Lichtenstein, Andy Warhol und den vielen Irgendwers, die ebenso inspirierende Werke oder diese, bei welchen man sich den Prozess der Entstehung ohne Einfluss bewusstseinserweiternder Mittel kaum vorstellen kann, geschaffen haben. Nach den kurzen Führungen blieb es uns frei, das Museum auf eigene Faust zu erkunden oder uns lieber in das Getümmel der Großstadt zu stürzen. In überschaubaren Gruppen splitteten wir uns auf und rasten los. Die einen gaben sich ganz dem Marathon-Shopping hin, manche zog es in den Berliner Untergrund und wieder andere streunten ziellos durch die Straßen, nahmen jeden Eindruck auf und stolperten sich ehe sie sich versahen in ein Abenteuer der Superlative. Viele trafen sich später am Abend noch im dreckigen, heruntergekommenen, wunderschönen Kreuzberg um sich über den Tag auszutauschen.

 

Oh, Berlin. Du bist so imposant.

Freitag, der letzte Tag unserer Reise kam schneller als wir es wollten. Beim berühmt berüchtigten Bahnhof Zoo holten wir unseren Stadtrundfahrtsbetreuer ab und tuckerten mit diesem zwei Stunden lang durch die Stadt, ließen uns die Gegend zeigen, bekamen einen Überblick darüber, ob wir uns im ehemaligen Ost-, oder Westbezirk aufhielten, hielten kurz beim Checkpoint Charlie an und fühlten uns wie waschechte Berlintouristen. Zum Glück durften wir uns noch auf tatsächliche Kultur freuen - die Führung im Deutschen Historischen Museum. Dieses Mal in drei Gruppen aufgeteilt, konnten wir im Vornherein wählen, welcher Themenbereich uns am Meisten zugesagt hat. Eine der drei Gruppen wurde während ihrer Führung von einem biederen, bourgeoisen Filmteam begleitet und anschließend zu ihren Eindrücken und Meinungen zu geschichtlichen Themen interviewt. Welche Eindrücke uns das Museum vermittelt hat? Nichts anderes als Geschichte hautnah, originale Belege und Dokumentationen über die Grausamkeiten der Weltkriege, die Propaganda vermittelt durch Kunstwerke, die Manipulation und Korruption sowie unzählige Symbole über den dunkelsten Abschnitt der Deutschen Historie, dies alles zumindest mit größtmöglichem Streben nachvollziehbar näher gebracht. Den freien, späten Nachmittag verbrachten wir wieder in mehreren Gruppen, teils mit Ziel, sich in einem Kunstbedarfshandel neu einzudecken, teils streunend und mit dem Blick fixiert an die Umgebung, auf der ständigen Suche nach wegweisenden Details, welche sie – wohin auch immer – an einen verborgenen, inspirierenden Bruchteil dieser waghalsigen und doch behaglichen Stadt brachten. 

Oh, Berlin. Du bist so authentisch.

Samstag fristeten wir unser Dasein wieder ab 09:00 Uhr im Bus. Es war ebenso der Tag, an dem der Himmel in Blau strahlte, die Sonne uns mild anlächelte und nach vier Tagen des Schneesturms und der Eiseskälte fast schon neckisch verabschiedete.

Oh, Berlin. Du bist so sagenhaft fulminant! Eine Stadt mit Charakter und Flair, Schattenseiten und Makeln. Keine Frage – Du ziehst mich eher früher als später wieder zu Dir hin.

Oder wie es Hildegard Knef sang:

Ich hab so Heimweh nach dem Kurfürstendamm,

hab so Sehnsucht nach meinem Berlin!
Und seh ich auch in Frankfurt, München, Hamburg oder Wien
die Leute sich bemühn,

Berlin bleibt doch Berlin.

 


Ich hab so Heimweh nach dem Kurfürstendamm,
Berliner Tempo, Betrieb und Tamtam!
Hätt ich auch wo 'ne Wohnung, und wär sie noch so neu,
Ich bleib Berlin, meiner alten Liebe treu!

 

Fotos: Miriam Brunner
Text: Dörthe Strathausen